Für eine handvoll Popcorn

Mark Zuckerberg ist einer der jüngsten Selfmade-Milliardäre der Welt. Innerhalb von fünf Jahren ist es ihm gelungen aus Schei… scheinbar Nichts Geld zu machen. Der Wert seines sozialen Netzwerks Facebook wird auf bis zu 55 Mrd. $ geschätzt und ist darüber hinaus zum Quasi-Standard im Web 2.0 geworden. Zwar kenne ich Zuckerberg nicht persönlich – woher auch – dennoch ist er mir herzlich unsympatisch. Facebooks enormer virtueller Wert schöpft sich nicht aus einer besonders kreativen Leistung, oder einem inovativen Produkt, nein, Ware und Wert sind die Nutzer.

Facebook war nicht Zuckerbergs erstes Projekt. Aus einer Idee, unanttraktive Bilder seiner Kommilitonen mit Fotos von Tieren zu vergleichen, die ihm nach eigenen Angaben im Suff unter Alkoholeinfluss kam, entstand FaceMash.com, ein visuelles Bewertungssystem für Studenten. Die Bilder dafür »besorgte« Zuckerberg sich übrigens aus den geschützten Netzwerken der Harvard-Uni. Erst Später folgte Facebook, das schrittweise erst Studenten, später auch Schülern der Vereinigten Staaten und schließlich allen zur freien Nutzung geöffnet wurde. Es stellte sich als das bessere Geschäftsmodell heraus.

Heute sind weltweit über 500 Millionen Nutzer bei Facebook registriert. Unzählige Websites bieten einen Facebook-Link an, oft kann man sich sogar mit dem Facebook-Account bei anderen Diensten anmelden. Dem Nutzer bieten sich eine Fülle von Möglichkeiten sämtliche Kontakte zentral zu verwalten und sich selbst zu präsentieren in dem man Fotos oder Videos hochläd oder einen Weblog führt. Dabei entscheidet jeder selbst, was und wieviel er von sich preis gibt und kann einstellen, wer die Informationen einsehen darf. (Ein Fortschritt im Vergleich zu Zuckerbergs erstem Projekt.) Eine derart prall gefüllte Datenbank, voll von persönlichen Interessen, Personenbeziehungen oder auch dem aktuellem Standort, beschert Facebook dennoch regelmäßig finanzkräftige Investoren.

Was erhält man, wenn man die Schnittmenge aus Kunden eines bekannten Internetdienstanbieters und einer großen Handelskette mit Rabattsystem auf Basis persönlicher Kundenkarten bildet? Eine beachtenswert große Versuchsgruppe, an der man die nachhaltige Wirkung von Werbung nachweisen kann, völlig ohne das Wissen der Probanden. So geschehen bei einem Experiment das in Kooperation zwischen Yahoo und einer nicht genannten Handelskette in den USA stattfand. Das Ergebnis ist erschreckend eindeutig: die 80% der Versuchsobjekte, die regelmäßig Werbung des Händlers eingeblendet bekamen, gingen deutlich häufiger bei diesem einkaufen und gaben auch mehr Geld pro Einkauf aus, ohne dass es ihnen bewusst gewesen wäre. Dabei war es unerheblich, ob die Bannerwerbung angeklickt wurde oder nicht. Diese Art der Manipulation Werbung ist also hoch effektiv und darüber hinaus kostengünstig. Um die Effektivität dieser suggestiven Kundenaquise weiter zu steigern müsste man die eingeblendete Werbung nur noch auf die persönlichen Interessen des Menschen vor dem Bildschirm anpassen. Und wo würde man genauere Informationen über die »Wünsche« des »Kunden« erfahren als in den Datenbanken eines omnipräsenten sozialen Netzwerks?

Seit Neuestem kann man sich bei Facebook auch aktiv zum Objekt der Werbekampagnen degradieren. Dazu reicht es, der Welt über sein Smartphone mitzuteilen, dass man sich gerade in der Filiale eines Geschäftspartners von Facebook aufhält. Als Gegenleistung erhält man kostenlos eine Tüte Popcorn von der Lieblings-Kinokette oder einen Fanschal des Lieblingsvereins. Wäre es nicht sogar echt praktisch, wenn im Anschluss an den Kinobesuch sich der Lieblingsklamottenladen meldet, der zufällig ein Superschnäppchen nur für »Dich«  und noch zufälliger, genau in deiner Größe parat hat?

Mark Zuckerberg, der die Privatsphäre für überholt hällt, behauptet, die Leute würden freiwillig immer mehr Daten über sich preisgeben um sie mit anderen zu teilen. Facebook würde sich diesem Trend lediglich anpassen. Damit mag er recht haben. Ich unterstelle ihm, dass sich Facebook diesem Trend nicht nur anpasst, sondern ihn maßgeblich antreibt und zwar nicht um den Leuten die Möglichkeit zu geben sich mit anderen auszutauschen, sondern mit diesen Informationen Geld zu verdienen – möglichst ohne das die Nutzer davon wissen.

Es ist also nicht der lockere Umgang mit persönlichen Daten, den man Facebook vorwerfen muss, liebe Frau Aigner. Selbst bei völliger Transparenz der Datenschutzeinstellungen, Facebook muss niemandem direkten Zugriff auf seine Datenbanken geben, oder Adressen verkaufen, wie es in der Dialogmarketingbranche gern gemach wird. Es reicht, die entsprechenden »Werbeflächen« für Kundenprofile zu verkaufen, die nahezu beliebig scharf abgegrenz werden können. Anstatt also zu laschen Datenschutz anzuprangern, sollten Sie vieleicht lieber Anfangen, die Leute aufzuklären, welchen Preis sie für ihre Mitgliedschaft wirklich zahlen. Aber das könnte ja langfristig indirekt der Binnennachfrage schaden.

Kommentare

  1. 01) 21.02.2011
    Thomas Speck

    Super Artikel und leider superwahr! Was ist dem noch hinzuzufügen? Nochmal: Leider, und leider nichts.
    Danke!

  2. 02) 24.02.2011
    David

    Vieleicht wird der ein oder andere Facebooknutzer stutzig, wenn er merkt, dass seine »privaten« Nachrichten gescannt und blockiert werden:

    Facebook scant private Botschaften beim Absenden

    Z.B. wird youropenbook.org blockiert.

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