In Dresden nichts Neues

Dresdens Zentrum wird seit vergangener Woche von einem weiteren Konsumtempel geschmückt und keine drei Wochen nach der Landtagswahl zeigt sich, was von den schwarz-gelben Versprechen im Wahlkampf übrig geblieben ist… Eigentlich Grund genug, schreiend davon zu rennen (oder einfach nur den Kopf zu schütteln) – aber dazu ist das Wetter viel zu schön!

Jeder der schon mal Dresdens Zentrum gesehen hat könnte meinen, die Kaufkraft der Dresdner und ihrer Touristen sei durch ein Überangebot an Einkaufsmöglichkeiten erschöpfend ausgereizt. Zwischen Altmarkt und Hauptbahnhof kann man entweder einen acht Minuten Spaziergang machen, oder mehrere Stunden damit verbringen sein Geld in alle möglichen und unmöglichen Dinge zu tauschen. Vom Sekundenkleber bis zu Feinkostwaren gab es bereits vor einem Jahr alles was das Käuferherz begehrte. Die Altmarktgalerie, eine arkadenförmige Ansammlung von über 100 Geschäften, Karstadt, drei Modehäuser, unzählige kleinere Modeboutiquen, Mobilfunkläden, Schuhgeschäfte, Cafés, Fastfood, Fitnesscenter – die typische City eben. Man hat auch nichts vermisst, es war also nicht so, als ob noch was gefehlt hätte, im Gegenteil.

Offenbar hab ich mich in beiden Fällen getäuscht, denn seit gut einem Jahr wird an einem weiteren Kaufpalast gewerkelt. In den letzten Wochen war es schlicht unmöglich zu übersehen, dass die Eröffnung nun kurz bevor steht. Tagtäglich brummte ein Zeppelin gefühlte 24 Stunden über Dresden. Auf der Außenhaut prangte das Logo der neuen „Centrum Galerie“ und nachts wurde die Eröffnungsbotschaft in Leuchtschrift auf die Hülle projiziert. Die Marketingabteilung hat offenbar keine Kosten gescheut um auf die neue Galerie aufmerksam zu machen. Dummerweise schien das Geld am Ende nicht mehr für den Internetauftritt zu reichen, der nicht mal ansatzweise die Atmosphäre und das Design der durchaus gelungenen Architektur widerspiegelt und auch sonst eher abschreckt.

Im Inneren erwarten einen nicht die typisch hellen Sandsteintöne und Vollglasgeländer wie man es von Arkaden wie der Altmarktgalerie gewohnt wäre. Verkaufspsychologen haben offenbar herausgefunden, dass mein Kaufrausch mit dunklen Tönen und verschnörkelten Fassaden effektiver stimuliert wird. (Die Schnörkel könnten aber auch ein clevere Assoziation zum Standort sein – Dresden, Barockstadt und so…) Insgesamt sieht es im Inneren wie auf einer Zukunftsmesse aus den 70ern aus. So hat man sich damals vieleicht das 21. Jahrhundert vorgestellt. Dunkle Fußböden, dunkles Holz für die Handläufe, dunkle verspiegelte oberflächen und indirektes violettes Licht. Ansonsten ist die Aufteilung eher gewohnt. Im Untergeschoss Fastfood und darüber Modeboutiquen, Mobilfunkläden, Schuhgeschäfte, Cafés usw. Kann man ja alles öfter gebrauchen. Neu sind dagegen Geschäfte, deren Angebot scheinbar ausschließlich aus neonfarbenen Flüssigkeiten besteht, die man in seltsam geformten Glaskaraffen kaufen kann (wtf?), sowie eine Lounge in der man in Sitzsäcken die bunten Lichter und die Flatscreens bewundern kann und die insgesamt den Eindruck erweckt, als ob unter der Ladentheke das Meskalin ausgeteilt wird.

Und endlich, ja endlich haben wir in Dresden ein „Starbucks“. Ich wollt schon immer mal erwachsenen Menschen dabei zu sehen wie sie ihren, mit Aromen gepanschten, „Coffee“ aus Pappbechern nuckeln, die in ihrer Form an Schnabeltassen erinnern. Gut, das ist jetzt kein Alleinstellungsmerkmal dieser Kaffeehauskette und auch ich habe meinen Kaffee auch schon mal „to-go“ konsumiert, aber bei Starbucks hat das doch mehr Stil und wirkt so weltoffen.

Besonders fasziniert bin ich von einer dieser Intershops 2.0. Eine Art Drogerie-Spielzeug-Feinkost-Kurzwaren-Kette, die die Möglichkeit bietet vom Tampon bis zum Legospielzeug einfach alles in einem Geschäft zu kaufen – das ist echt ungeheuer praktisch.

Genug gemeckert, denn das Ganze hat ja auch sein Gutes. Im Radio sprach man von 1000 neuen Arbeitsplätzen, die in der Centrum Galerie „entstanden“ sind. Mir fällt das ein bisschen schwer zu glauben, angesichts der Tatsache, dass zwei der größten Mieter nicht neu hinzugekommen sind, sondern einfach von der gegenüberliegenden Seite in die neuen Räume umgezogen sind (die jetzt übrigens leer stehen), aber wenn es denn so ist, kann man ja froh sein.

Und da geht offensichtlich immer noch was. Um den Kaufmannsladen-Overkill komplett zu machen, baut auch die Altmarktgalerie ihre Verkaufsfläche derzeit weiter aus. Ich bin gespannt, wie lange sich das alles halten wird.

Als hätte ich es geahnt, scherzte ich noch vor der Landtagswahl hier in Sachsen, „man müsse die Sonderausgabe der ad.rem“ (eine Studentenzeitung) zur Wahl „aufheben“. Darin prangten groß das Gesicht von Herrn Tillich und darunter die Worte:

Mein Wort gilt: Vom Vorschuljahr bis zum Master bleiben die Bildungsangebote gebührenfrei.

Ich hab die Ausgabe natürlich nicht aufgehoben, doch zum Glück gibt es sie auch online (Seite 13).

Okay, dass Wahlversprechen selten das Papier wert sind, auf dem sie stehen ist jetzt nich so neu. Dennoch würde ich dieses Blatt gern ausdrucken und der gesamten Sachsen CDU unter die Nase reiben, da man zusammen mit der FDP nun doch Studiengebühren für „Langzeitstudenten“ einführen will. Langzeitstudenten, dass sind Studenten, die länger als die Regelstudienzeit brauchen. Regelstudienzeit, die kennen wir alle, ist die Anzahl an Semestern in der das Studium theoretisch zu schaffen wäre, wenn man sich keine Gedanken um das liebe Geld machen muss, nie durch eine Prüfung fällt und zufällig einen Studiengang erwischt, der nicht überfüllt ist.

Ich hoffe, dass sich dagegen auch so großer Widerstand formieren wird, wie gegen das neue Hochschulgesetz, auch wenn die Erfolgschancen eher gering sind.

Kommentare

  1. 01) 03.10.2009
    Klaus

    Hi,

    du musst nicht glauben wir in der Kleinstadt hätten nicht so einen schönen neuen Konsumtempel.
    Unsere tolle Stadtgalerie Passau hatte kürzlich einjähriges.

    Die haben auch eine tolle Website (Link!) die sich aber grad nicht aufrufen läßt. :mrgreen:

    Arbeitsplätze wurden auch viele geschaffen.
    Die wurden dann zwar woanders gestrichen, weil dort das Geschäft wg. dem Überangebot nicht mehr gut lief, aber wen interessiert das.
    Hauptsache man konnte die Schaffung von Arbeitsplätzen rauströten.
    Beim Wegfall derselben wird die Trompete rasch gegen das "Mäntelchen des Schweigens" ausgetauscht.

  2. 02) 03.10.2009
    David

    Hehe, die Seite kommt mir irgendwie bekannt vor:
    altmarkt-galerie-dresden.de
    potsdamer-platz-arkaden.de

    Das gehört offenbar alles ein und dem selben Großinvestor. Oder wir haben eine neue Trendwelle im Webdesign verpasst. ^^

    PS: Smilies gibts hier nicht ;)

  3. 03) 06.11.2009
    Eileen

    Tja, in Deutschland gibt es zwei große Investorengruppen, die die Städte mit unzähligen Einkaufs(un)möglichkeiten überschwemmen und deren Motto zu sein scheint: Wenn der Kunde sich wie zu Hause fühlt, dann konsumiert er besser. (Getreu dem US-amerikanischem Fast Food Credo…)

    Und deswegen sehen sich das "Schlosspark Center" in Schwerin, die "Altmarkt Galerie" in Dresden und das "Elbeeinkaufszentrum" in Hamburg auch so ähnlich.

    Und damit auch in der Fremde ein wenig das Gefühl von Heimat entsteht, gibt es eine Liste aller Shoppingzentren.

  4. 04) 06.11.2009
    David

    Sozusagen corporate identity im großen Maßstab. Das erste mal hab ich das in Berlin an den Potsdamer Platz Arkaden selbst feststellen dürfen. Einen Unterschied zur Altmarkgalerie konnte man kaum finden.

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